Nordic Walking - aber richtig Drucken

Pro und Contra von Nordic Walking 2/2

Die Stellungnahmen über Nordic-Walking in den Medien sind zum großen Teil von den Herstellern der Stöcke formuliert und entsprechend als weniger objektiv einzuschätzen. Inzwischen gibt es zwar einige wissenschaftliche Studien zu kardio-pulmonalen Effekten durch Nordic-Walking, die im Trend einige der oben geschilderten Anpassungen ausweisen. Worüber aber man im Augenblick keine Aussagen machen kann, sind die positiven oder negativen Effekte, die Nordic-Walking auf den Bewegungsapparat hat. So wird immer wieder behauptet, dass Nordic-Walking generell den Bewegungsapparat entlasten würde. Das kann nur eingeschränkt gelten:

  1. Vibrationen: Aufgrund der Elastizität der Stöcke kommt es besonders bei Nutzung auf Asphalt zu erheblichen Vibrationen an Hand-, Ellbogen- und Schultergelenk, die auf Dauer möglicherweise Entzündungen oder Beschwerden wie die Epicondylitis (Tennisellbogen) hervorrufen können. Gesicherte Studien dazu gibt es keine.
  2. Verspannungen: Spannungen im Schulterbereich werden nicht, wie behauptet, unbedingt gelöst und gelockert. Bei falscher Ausführung kann der stärkere Armeinsatz, bei Fehlansteuerung bestimmter Muskelgruppen, zu weiteren Verspannungen und nicht Lockerungen führen.
  3. Gelenkbelastung: Auch der entlastende Effekt für die Knie- und Hüftgelenke ist nicht selbstverständlich. Im Gegenteil: Viele Ausbilder fordern einen langen Schritt, um die Stockschwungphase zu verlängern. Das führt bei vielen Nordic Walkern zu mehr Staucheffekt und Knorpel- und Gelenkbelastung!

Aus diesen Gründen heraus ist es auch für den Walking-Kursleiter und vor allem für den Walking-Therapeuten geboten, die Teilnehmer genau bei Ausführung der Nordic-Walking-Technik zu beobachten, zu korrigieren und bei auftauchenden Beschwerden möglicherweise auf das normale Walking zurückzugreifen. Einen besonderen Zusatzeffekt können die Stöcke aber bei verschiedenen Sprungvarianten und beim Bergauf- und Bergabgehen bieten. Besonders sinnvoll ist auch das Schwingen der mittig gehaltenen Stöcke beim Walken. Hierdurch ergibt sich eine zusätzliche Schwungkomponente, die den Walker veranlasst die Schulter aktiver mitzubewegen und die Schulterachsen-Beckenachsen-Rotation zu integrieren.

Ein letzter Gesichtspunkt soll nicht unbeachtet bleiben. Aus sportwissenschaftlichen Untersuchungen geht eindeutig hervor, dass bereits im Kindes- und Jugendalter die motorische Fähigkeit der Koordination Defizite aufweist. Im Erwachsenenalter ergeben sich daraus schwerwiegende Probleme wie frühe Gleichgewichtsdefizite, neuromuskuläre Dysbalancen oder/und ein erhöhtes Sturzrisiko. Setzen wir uns jetzt dafür ein, dass die Menschen bereits mit 40 Jahren oder jünger nur noch „an Stöcken gehen“, fallen wesentliche propriozeptive Reize, die jede Unebenheit im Boden und Belag bietet weg. Das zentrale Nervensystem „vergisst“ die Programme für Anti-Sturzstrategien und lässt Muskelfasern „verkümmern“, die einen wesentlichen Beitrag zur Gelenkstabilisation leisten.

Was bedeutet das? Die inter- und intramuskuläre Koordination und das Nerv-Muskel-Zusammenspiel wird nicht optimal trainiert, wenn wir unser Gleichgewicht mehr durch das Abstützen auf die Stöcke realisieren, als durch „programmiertes“ Training.

Was ist die Konsequenz daraus? Wir sollten darauf achten, dass entweder nicht nur mit Stöcken gewalkt wird, sondern auch bewusst auf unebenem Gelände ohne Stöcke trainiert wird. Darüber hinaus macht es wirklich Sinn, in die Trainingseinheiten immer wieder bewusst propriozeptive Reize und Übungen einzubauen.